Die Beschleunigung des Finanzplatzes8 min read

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Neue Technologien bewirken seit jeher die Optimierung von Prozessen und deren Geschwindigkeit – dies gilt in besonderem Masse für den Finanzsektor, der durch den Siegeszug der Blockchain-Technologie neues Innovationspotenzial freilegen konnte. Alex Brunner erzählt in seinem Buch «Crypto Nation» die Geschichte dieser Entwicklung in Liechtenstein und der Schweiz und erläutert die Implikationen für hiesige Akteure: Von Fintechs bis zu etablierten Banken.

Gemäss Gillian Tett von der Financial Times sind die US-Banken weltweit gestärkt und äusserst erfolgreich aus der Finanzkrise hervorgegangen. Dies kann von den europäischen Banken, so eine Studie des McKinsey Global Institute, nicht behauptet werden. Die europäischen Banken leiden. Dies ist an sinkenden Price-to-Equity- und Price-to-Book-Kennzahlen sowie den stark sinkenden Aktienkursen abzulesen. Zudem hat sich laut der Studie EBF 2017 Facts & Figures die Anzahl Kreditinstitute in der EU von 2008 bis 2017 um knapp 23 Prozent reduziert.

Ähnlich verhalten sieht Mark Branson, CEO der FINMA, die Situation für Banken in der Schweiz: «Früher hatte der Finanzplatz mit dem damaligen Bankgeheimnis Wettbewerbsvorteile, das machte den Finanzplatz vielleicht eher träge. Es war eine Art Protektionismus. Heute ist der Wettbewerb unter Finanzplätzen brutal.» Die verhaltene Innovationsfreudigkeit und das Festhalten an Bewährtem mögen verschiedene Gründe haben. Gemäss Christian Katz, ehemals Chef der Schweizer Börse SIX und Verwaltungsrat der digitalen Exchange Swiss Crypto Exchange, liegt dies daran, dass ein Grossteil der Schweizer Finanzinfrastruktur (Geschäftskonto, Kreditvergabe, Kreditkarten, Handel, Asset Management, Private und Investment Banking) stark von zwei grossen Universalbanken und den Kantonalbanken dominiert wird. Der Finanzplatz Schweiz weist oligopolistische Tendenzen auf, was Veränderungen und Innovation verhindert.

Wie kann die Schweiz ihren Finanzplatz weltweit wieder wettbewerbsfähig machen? Auch hierzu zitiere ich nochmals Branson: «Bei der Innovation geht es darum kostengünstiger, schneller oder besser zu sein. Es soll keine Umgehung der Vorschriften stattfinden. Innovationen verbessern die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz. Darum hat die FINMA eine innovationsfreundliche Haltung. Denn Innovation ist ein Alleinstellungsmerkmal für erfolgreiche Finanzplätze. Und wer innovativ sein will, kommt gezwungenermassen heutzutage mit Technologie in Berührung. Daher soll man den technologischen Wandel begrüssen anstatt ihn zu fürchten.» Wie kann nun der Schweizer Finanzsektor für den technologischen Wandel offener werden?

Schweiz weltweite Nummer zwei

Innovation bedeutet im Kern Iteration. Es geht um das stetige Ausprobieren, Scheitern und Anpassen: ‘fail fast and fail forward’. Es geht um die Hinterfragung des Status quo, um eine offene und durchlässige Kultur der Kollaboration und um Geschwindigkeit. Denn die Technologie führt zu einer Beschleunigung.

In den letzten Jahren hat sich in der Schweiz im Finanzbereich viel getan. Der FinTech-Sektor, welcher Startups im Finanzbereich mit neuen Technologielösungen umfasst, wächst in der Schweiz stark. Gemäss der IFZ FinTech Study 2018 gibt es in der Schweiz mittlerweile 220 Fintech-Startups. Dabei hat die Entwicklung des Crypto Valley in Zug in den letzten Jahren für eine starke Belebung gesorgt: «Zug has developed into a globally recognized centre for Distributed Ledger Technology in the past years.» Gemäss der Studie ist die Schweiz weltweit auf dem zweiten Platz hinsichtlich Attraktivität als FinTech-Standort, hinter Singapur und jedoch noch vor London.

Im Weiteren gibt es einen zunehmenden Trend hin zu Partnerschaften zwischen Fintechs und etablierten Finanzinstitutionen: «With 59 percent, Switzerland is above the global average when it comes to existing cooperation between FinTech companies and established financial institutions.» Die IFZ-Studie zeigt zudem deutlich auf, wie die Entstehung der Crypto Nation Switzerland massgeblich zu einer Belebung des Fintech-Standortes Schweiz geführt hat. Dies lässt sich an Neugründungen wie auch an gestiegenen Finanzierungsbeträgen ablesen. Zudem hat die Crypto Nation dafür gesorgt, dass die Attraktivität der Schweiz als Startup-Standort weltweit sichtbar geworden ist. Eine bessere weltweite Werbung hätte man sich fast nicht wünschen können.

Agile Kleinbanken und zurückhaltende Grossbanken

Die Schweiz hat eine höchst aktive, weltweit gut positionierte und gut finanzierte Fintech-Community. Wer jedoch einen genaueren Blick auf diese wirft, sieht im internationalen Vergleich Unterschiede. Der Swiss Start Up Radar beispielsweise zeigt ganz allgemein auf, dass Schweizer Startups weniger schnell wachsen und vor allem im Geschäftskundensegment und weniger bei Konsumenten erfolgreich sind.

Warum das so ist, sieht man beispielsweise in der grossen Zurückhaltung von etablierten Banken gegenüber der aufstrebenden Blockchain-Community. Aufgrund von Bedenken in den Bereichen von Geldwäscherei, Konflikten mit amerikanischen Korrespondenzbanken und der Reputation verhielten sich insbesondere Grossbanken äusserst zurückhaltend. Nur schon die Eröffnung eines Firmenkontos für ein Startup im Blockchain-Bereich war und ist ein richtiger Spiessrutenlauf. Dabei reichte es, nur schon die Bezeichnung Blockchain im Namen zu führen, wie das beim Zürcher Co-Working Space Trust Square der Fall war.

Dabei nehmen Banken eine wichtige Schlüsselfunktion bei Fintech-Innovationen jeglicher Art ein. Gemäss Daniel Wanger von DEWA Vermögensverwaltung in Zürich braucht es den Miteinbezug von Banken zur Etablierung eines Crypto-Massengeschäfts. Fintechs haben Banken bis heute nicht wirklich in Bedrängnis gebracht. Die grosse Disruption blieb aus. Im Gegenteil: Um längerfristig Erfolg zu haben, müssen Fintechs gemäss der IFZ Fintech-Studie Partnerschaften im Finanzbereich anstreben, da Banken die wichtigsten Kunden für Fintechs sind. Banken wiederum können von der Innovationskraft und dem Unternehmergeist der Fintech-Community profitieren.

Wie können Schweizer Banken nun innovativer werden? Die kurze und äusserst dynamische Geschichte der Crypto Nation zeigt laut Alexis Roussel, Gründer von Bity, dass es am Anfang häufig kleinere Institute waren, welche auf die Blockchain-Technologie positiv reagierten. Das liegt aus seiner Sicht daran, dass es kleinere Banken sind. Zudem hätten Privatbanken unternehmerische Wurzeln. Martin Keller, CEO der Falcon Private Bank AG, und sein Team, sprachen beispielsweise ganz offen davon, dass sie aufgrund der Vergangenheit der Bank, aktiv Innovationen suchen wollen. Sie sprachen von dem «Willen, eine digitale Bank zu werden und das Banking zu entkrusten.» Sie wollen und müssen initiativ sein. Marianne Wildi, CEO von der Hypothekarbank Lenzburg AG, die Bank, welche sich auch an die Crypto-Community annähert, meinte im Interview: «Die Disruption wird kommen. Abschottung ist eine schlechte Politik. Neue Technologien eröffnen auch den kleinen Banken neue Möglichkeiten.»

Die kleine, aber stark wachsende liechtensteinische Bank Frick & Co. AG erkannte die Notwendigkeit der Innovation gemäss Mauro Casellini schon viel früher: «Wir realisierten 2008, dass die herkömmliche Bankstrategie am Ende ist. Damit war die Idee einer modernen Fintech-Bank geboren. Das war ein bewusster Prozess, da der CEO stark Technologie getrieben ist. Einmal im Fintech-Bereich zuhause, war der Schritt zur Blockchain-Technologie nur logisch.» Die Bank war eine der wenigen Banken, welche ICOs unterstützte und Firmenkonten für Blockchain-Startups anbot. Zudem halfen sie aktiv mit, die ersten Fonds in Liechtenstein für Kryptowährungen zu lancieren. Es ist wohl nicht vermessen zu sagen, dass ohne die entscheidende Mithilfe der liechtensteinischen Bank Frick die Crypto Nation nicht so schnell entstanden wäre – oder sogar gar nicht.

Eine Frage des Mindset

In unzähligen Gesprächen wie in Studien wurde immer wieder betont, wie Innovation in erster Linie eine Frage der Unternehmenskultur und der Einstellung der Leute ist. Innovation braucht eine gewisse Grundhaltung und ein neues Managementinstrumentarium, das in der Bankenwelt häufig zu wenig bekannt ist. Dolfi Müller, ehemaliger Stadtpräsident von Zug, und der Zuger Stadtrat haben 2016 kurzentschlossen eingeführt, dass man Gebühren bis 200 Franken mittels Bitcoin bezahlen konnte. Dieser Entscheid sorgte weltweit für Aufsehen. Laut ihm «… braucht es Mut, um einen Prozess zu starten. Der Mindset war ‘just do it’ ohne Anwendungsfall, einfach, um Erfahrungen zu sammeln.»

Innovation bedarf Geschwindigkeit, Agilität und Kollaboration. Diese Eigenschaften hat die Crypto Nation demonstriert und in die eher konservative Bankenwelt getragen. Die Community hat auch schnell realisiert, dass eine «Kill the Bank»-Einstellung oder die stetige Verkündung allumfassender Disruption wenig produktiv sind. Vermehrt hat man daher angefangen, Synergien mit dem Bankenplatz Schweiz zu suchen. Denn Banken bringen eine grosse Kundenbasis, grosses Wissen in Regulierungsfragen, Risikomanagement, Kapital und erprobte Prozesse mit.

Innovation und Beschleunigung

Seit knapp fünf Jahren kann man in der Schweiz die rapide und stellenweise turbulente Entwicklung dieser neuen Technologie miterleben. Ralf Glabischnig von inacta und CV VC meinte dazu: «Es passiert etwas Grosses vor unserer Haustüre. Dies ist eine «once-in-a-lifetime chance»!»

Wie schnell eine solche Entwicklung ablaufen kann, zeigt exemplarisch die Idee des ICO. Was als eine Projektfinanzierungsidee für die Ethereum-Blockchain 2014 begann, entwickelte sich 2016 und 2017 zu einem weltweiten Boom im unkomplizierten Fundraising mittels Token für allerlei Crypto-Projekte. Diese führte zu weltweiten Milliardenbeträgen, welche in die Crypto-Communities flossen und alsbald die Regulatoren auf den Plan riefen. Die Schweizer Aufsichtsbehörde FINMA war weltweit die erste Behörde, welche eine Wegleitung zu verschiedenen Token und ICOs erliess.

An der Entwicklung der ICOs lässt sich gut ablesen, wie schnelle sich neue Ideen weiterentwickeln und neuen Gegebenheiten angepasst werden. Die Geschwindigkeit ist zuweilen atemberaubend und gleichzeitig kennzeichnend für die durch Technologie getriebene Entwicklung. Gemäss einer Studie der Citi Bank bewegen sich die führenden Finanzinstitutionen in Schwellenländern und insbesondere Asien fünf- bis zehnmal schneller als eine typische grosse Bank. Die Studie schliesst mit der offensichtlichen Erkenntnis, dass etablierte Finanzinstitute schneller werden müssen.

Jeder Veränderungsprozess innerhalb einer Firma bedeutet, dass man sich auf eine Reise begibt, die Ängste auslöst. Mitarbeiter fürchten sich vor dem Unbekannten und insbesondere vor einem möglichen Jobverlust. Wer jedoch Angst hat, kann nicht innovativ sein. Wie ausgeführt, ist Innovation Iteration, und Fehler sowie Scheitern gehören zum Geschäft. Es ist daher nicht erstaunlich, dass, wenn es um die digitale Transformation geht, immer auf die Wichtigkeit der Kultur hingewiesen wird. Innovation braucht eine entsprechende Kultur mit passenden Managementinstrumenten. Sodann ist Innovation auch ein Prozess, der viele Fragen aufwirft: Welches Projekt erhält Finanzierung? Wann wird ein Projekt gestoppt? Wie lange wird ein Projekt weiterverfolgt? Wie geht man mit Scheitern um?

Genau diese neue Startup-Kultur an der Schnittstelle von Technologie und Finanzwelt ist eine grosse Bereicherung für einen konservativen Bankenplatz. Dieser Kulturwandel ist ein wichtiger Beitrag zum Fintech-Standort Schweiz und ein wichtiger Bestandteil der Innovationsfähigkeit der Schweiz.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Kapitel «Beschleunigung des Finanzplatzes». Das Buch «Crypto Nation» von Alex Brunner ist im Stämpfli Verlag erschienen.

Author(s)

Alex Brunner

Alexander E. Brunner studied Business Administration at the University of St. Gallen and subsequently worked for many years in the financial industry. Brunner is a FDP member of the Zurich local council and founder of the Urban Innovation Association and the Swiss Unicorn Club for Start-ups. He is also a member of the management board of Utopia Music AG in Zug.

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