«Die Spezialisierung auf Nischen wird wichtiger»

von Melanie Gstöhl / 17.9.2018

In ihrem Interview mit «next-step», dem Magazin des Liechtensteiner Amtes für Berufsbildung und Beratung, sprach Melanie Gstöhl über Karriereplanung, neue Technologie und weshalb sie sich auch mal etwas Gutes gönnt.

next-step: Melanie Gstöhl, konnten Sie sich, als Sie vor über zehn Jahren als Mitarbeiterin in der damaligen Abteilung Finanzen und Compliance bei Bank Frick arbeiteten, vorstellen, einst Finanzchefin, CFO (Chief Financial Officer) von Bank Frick zu sein?

Melanie Gstöhl: Ich war damals stark damit beschäftigt Familie, Beruf und Weiterbildung unter einen Hut zu bringen. Relativ frisch ab Gymnasium und als junge Mutter hatte ich mich entschieden, nicht an eine Universität zu gehen, sondern auf berufsbegleitende Weiterbildungen zu setzen. Dies aber natürlich mit dem Ziel, am Schluss einen gleichwertigen Abschluss zu erreichen. Mein Arbeitgeber hat mich bei meiner beruflichen und schulischen Weiterentwicklung immer grossartig unterstützt.

Was braucht es, um eine so steile Karriere zu realisieren?

Bei mir stand nie die Karriere im Vordergrund. Für mich war und ist viel wichtiger, meine Ideen miteinzubringen und die Weiterentwicklung von Bereichen mitgestalten zu können. Ich fand es extrem spannend, immer wieder neue Bereiche kennenzulernen und mein Know-how laufend zu erweitern. Für mich war es auch immer wichtig, alles, was ich mache, genau zu verstehen – auch die Zusammenhänge im Hintergrund – und dabei Verantwortung zu übernehmen. Erst so können Risiken oder Verbesserungspotenziale erkannt und dann umgesetzt werden. Wahrscheinlich sind es solche Eigenschaften, die am Schluss wirklich entscheidend sind. Natürlich braucht es aber auch immer ein bisschen Glück und jemanden, der das Potenzial der Person erkennt und fördert.

Welches war der entscheidende Schritt auf diesem Weg?

Nach der Geburt meines zweiten Kindes kam der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste, ob ich mich im Beruf eher zurückziehe oder ob ich mich noch stärker einbringen möchte. Wer mich kennt, weiss, dass es mir extrem schwergefallen wäre, mich zurückzuziehen und meine Ideen nicht einzubringen.

Was möchten Sie als Finanzchefin erreichen?

Als CFO bin ich einerseits, wie der Name es schon sagt, klassischerweise für die finanzielle Führung eines Unternehmens verantwortlich – dazu gehört die Buchhaltung, die Liquiditäts- und Finanzplanung, die Verwaltung der Geldmittel usw. Andererseits bin ich als Mitglied der Geschäftsleitung auch mitverantwortlich für die Umsetzung der eingeschlagenen Strategie und die positive Weiterentwicklung des Unternehmens. Die wirklich starke Wachstumsphase, in der wir uns aktuell befinden, bedarf einer sehr guten Überwachung der Geschäftsmodelle. Ein wichtiges Ziel ist es, diese Wachstumsphase der nächsten Jahre als Gesamtunternehmen ohne grössere Schwierigkeiten zu meistern und dabei die Kosten und Erträge immer im Griff zu haben, sodass wir am Schluss zurückblicken und als Unternehmen auf das Erreichte stolz sein zu können.

Was fasziniert Sie an Zahlen, Buchhaltung und Finanzen?

In vielen Köpfen steckt noch die Vorstellung von einem Buchhalter im stillen Kämmerlein, der Kassenbücher ausfüllt. Das stimmt schon lange nicht mehr. Als Finanzerin hat man den besten Überblick über das, was in der Firma läuft. Am Schluss endet nämlich jeder Geschäftsfall in einer Buchung in der Buchhaltung. Ein Unternehmen kann nur erfolgreich geführt werden, wenn die Basis und die Entscheidungsgrundlagen – also die Geschäftsergebnisse aus der Buchhaltung und die Finanzplanung – vorhanden sind und transparent aufbereitet werden. Persönlich finde ich die Finanzen ein wunderbar klares und logisches Gebiet. Es ist faszinierend, wie die Buchhaltung ein gesamtes Unternehmen in sich geschlossen in Zahlenform abbildet.

Wann sind Sie erstmals mit Blockchain in Verbindung gekommen?

Im Jahre 2010 beschloss die Geschäftsleitung der Bank, ins E-Commerce-Geschäft einzusteigen und Zahlungsabwicklungen für den Onlinehandel anzubieten. Im darauffolgenden Jahr wurden wir Principal Member bei Visa und Mastercard – als erste und bislang einzige Bank in Liechtenstein. Neben dem klassischen Onlinegeschäft, wie z. B. die Zahlungsabwicklung für Onlineshops, kamen wir so schnell in Kontakt mit verschiedenen Fintechs, die neue Geschäftsmodelle entlang der Wertschöpfungskette entwickelten. Und so wurde das Thema Kryptowährungen, die auf Blockchains basieren, immer bedeutender.

Heute bietet Bank Frick Blockchain-Firmen nicht nur Kontodienstleistungen an, sondern begleitet sie auch bei der Kapitalbeschaffung über ICOs (Initial Coin Offering) oder den Geldwechsel zwischen verschiedenen Kryptowährungen.

Hier ist es uns gelungen, in einem Segment, das noch eine Nische ist, wirklich starkes Know-how aufzubauen und entsprechende Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Natürlich ist es toll, in einer Bank zu arbeiten, die für Neues offen ist und den Schritt ins Unbekannte wagt. Dadurch konnten wir erreichen, dass wir zu den führenden Unternehmen in Europa, ja weltweit, in diesem Bereich zählen.

Was waren die Herausforderungen auf dem Weg dorthin?

Die grösste Herausforderung ist ganz klar, dass es sich hier um völlig neue Geschäftsmodelle und -prozesse handelt, für die wir neue interne Abläufe und Kontrollmechanismen entwickeln mussten. Das gilt natürlich insbesondere auch für die Regulatorik: Wir müssen sicherstellen, dass wir die Kunden und die Herkunft der Gelder kennen und alle Anforderungen erfüllen, welche wir im klassischen Banking auch erfüllen müssen.

Wie wichtig wird diese Vorreiterrolle für die Zukunft der Bank sein?

Für kleine Banken wie Bank Frick wird es in Zukunft noch wichtiger sein, sich in Nischen zu spezialisieren und darin hervorragende Leistungen zu erbringen. Blockchain-Banking ist ein Bereich, in dem wir es geschafft haben, ein Angebot auf den Markt zu bringen, das noch einzigartig ist. So konnten und können wir uns von anderen Marktteilnehmern klar abheben. Uns ist bewusst, dass wir nicht ewig die Einzigen sein werden. Wichtig ist, Trends und Bedürfnisse auf dem Markt frühzeitig zu erkennen und unsere Geschäftsmodelle flexibel anzupassen.

Welche neuen Anforderungen werden an die IT in puncto Sicherheit der Daten gestellt?

Die Anforderungen an die Sicherheit der Daten ist wie bei allen anderen Unternehmen ein sehr grosses Thema. Aus dem Bereich Kryptowährungen liegen die Herausforderungen aber vor allem in der Ausgestaltung der internen Prozesse. Sämtliche Kryptowährungen, die von Bank Frick verwahrt werden, liegen auf sogenannten Cold-Storage-Geräten und haben keine Verbindung zum Internet. Hier sind vor allem klare Regelungen der Zutritte und Zugriffsrechte entscheidend.

Innert kürzester Zeit haben sich 100 Blockchain-Firmen in Liechtenstein angesiedelt. Weshalb sind ICOs (Initial Coin Offering) und Kryptowährungen eine Chance für den Finanzplatz Liechtenstein?

Hier entsteht eine ganz neue Branche und Liechtenstein hat die Möglichkeit, international ganz vorne mitzuspielen. Auch wenn möglicherweise nur ein Teil dieser Start-ups und ICOs nachhaltig erfolgreich wird, sind es ein paar, die gross werden und den Finanz- und Wirtschaftsplatz in Zukunft mitbeeinflussen und zukunftsträchtige Arbeitsplätze schaffen können.

Welches Potenzial versprechen Sie sich von der Blockchain-Technologie?

Die Blockchain-Technologie eröffnet ganz viele neue und einfachere Anwendungen, sei es im Bereich von Finanzen, aber auch in ganz anderen Branchen. Es könnten z. B. Lebensmittel zuverlässig rückverfolgt werden und Grundbücher oder Handelsregister vollständig in einer Blockchain geführt werden. Es gibt hier sehr viele Ideen und Konzepte. Ich bin gespannt, welche Projekte sich durchsetzen werden.

Was wird sich diesbezüglich in den nächsten Jahren verändern?

Möglich wäre z. B., dass Patientenakten in einer Blockchain geführt werden. Dann muss nicht jeder Arzt für sich selbst eine Akte anlegen, sondern der Patient kann bestimmen, welche Ärzte auf seine persönliche Akte Zugriff haben und diese nutzen und bearbeiten dürfen. Somit hätten auch alle Ärzte immer alle Informationen über einen Patienten auf einen Blick verfügbar. Die Patienten hätten den Vorteil, dass sie nicht immer wieder ihre ganze Krankheitsgeschichte wiederholen müssen.

Werden die neuen Technologien die Berufe im Bankwesen interessanter machen und wenn ja, weshalb?

Die Veränderung an sich ist interessant, weil man Bisheriges infrage stellen muss und darf. Man muss Antworten auf Fragen finden, die sich bislang nicht gestellt haben.

Was wird sich in der Ausbildung ändern (müssen)?

In der Ausbildung wird es darauf ankommen, die neuen Trends frühzeitig zu erkennen, zu bewerten und gegebenenfalls rasch entsprechende Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten anzubieten.

Wie schaffen Sie es, Beruf, Familie und persönliche Work-Life-Balance unter einen Hut zu bringen?

Meiner Meinung nach ist es kontraproduktiv, wenn man sich selbst unter Druck setzt, immer alles perfekt ausgeglichen zu haben. Es gibt immer wieder Phasen, in denen das eine oder das andere überwiegt. Hier ist es entscheidend, auf sich selbst und seinen Körper zu hören und sich zwischendurch auch mal etwas Gutes zu gönnen.

Das Interview erschien ursprünglich am 14. September 2018 im Magazin «next step».

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Melanie Gstöhl

Melanie Gstöhl wurde 2017 vom Verwaltungsrat zum Mitglied der Geschäftsleitung von Bank Frick ernannt. Sie ist verantwortlich für das Ressort Finanzen, Risk und Controlling. Zuvor leitete die eidg. dipl. Expertin in Rechnungslegung und Controlling die Finanzabteilung.

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