Die Zukunft des Bancomaten

von Richard Schlauri / 23.10.2019

Beinahe auf dem ganzen Globus sind Geldautomaten eine verlässliche Anlaufstelle für Bankkunden. Sie sind mittlerweile schon mehr als ein halbes Jahrhundert im Einsatz und haben sich in puncto Aussehen und Funktion stets weiterentwickelt. Von der reinen Geldausgabe haben sie sich dabei längst verabschiedet.

Der Geldausgabeautomat (GAA) – im englischen «Automated Teller Machine» (ATM) und hierzulande auch Bancomat oder Postomat genannt – erfreut sich grosser Beliebtheit bei allen Menschen, welche Bargeld noch als Zahlungsmittel verwenden. Die Automaten sind weit verbreitet, hoch verfügbar und in der Transaktion sicher für den Kunden. Die Transaktionskosten sind überschaubar: Das Abheben beim eigenen Bankinstitut ist in der Regel kostenlos, und bei einem Fremdinstitut werden für eine Transaktion maximal CHF 2.00 verrechnet.

Der Siegeszug des Bancomaten

Kürzlich «feierte» der GAA seinen 50. Geburtstag. Diese Jahreszahl bezieht sich auf die erste grössere Verbreitung des Geräts. Der erste «Bankograph» wurde jedoch bereits 1939 in New York installiert. Nach kurzer Betriebszeit war dieser aus ethischen Gründen schnell wieder abgebaut, denn nur Glücksspieler und Personen aus einschlägigen Milieus fanden dafür Verwendung. Im Juni 1967 startete dann die Barclays Bank in England mit sechs Geräten erfolgreich einen zweiten Versuch und war so die Wegbereiterin für die weltweite Verbreitung der Geldauszahlgeräte.

In der Schweiz war die damalige Schweizerische Bankgesellschaft (SBG, heute UBS) bereits anfangs November desselben Jahres mit dem ersten GAA an der Bahnhofstrasse in Zürich in der Lage, ihren Kunden rund um die Uhr Auszahlungen von maximal CHF 200.00 zu gewähren. Die Geräte wurden mit Lochkarten bedient und offline verwaltet – dementsprechend waren sie an kein zentrales Verbuchungssystem angeschlossen. Mitte der 1970er-Jahre wurden die Geräte online geschaltet, und die Verbreitung beschleunigte sich. Das Ein- und Auszahlen wurde ab Mitte der 1990er-Jahre mit der sogenannten Recyclingfunktion (Cash Recycling Systeme, CRS) in einem geschlossenen Kreislauf ermöglicht. Die eingezahlten Noten wurden neu sortenrein im Automat eingelagert und konnten somit auch wieder ausbezahlt werden. Die Schweizer UBS war es wiederum, welche diese Technologie zusammen mit der damaligen Siemens Nixdorf entwickelte und als erste Bank in Europa einsetzte.

An dem Grundprinzip von damals hat sich bis heute nichts geändert. Die Komplexität der CRS-Technologie ist mittlerweile sehr gut beherrschbar, die Sicherheitsanforderungen bei Einzahlungen sind jedoch nicht zu unterschätzen. Falschgeld, eingefärbte, abgenutzte oder alte Noten müssen automatisch aus dem Kreislauf aussortiert und die Einzahlungen auf Fremdkörper wie Büroklammern überprüft werden. Ausserdem wird gerade in der Schweiz die Möglichkeit des Ein- und Auszahlens sowohl von Franken- als auch Euro-Beträgen verlangt. Dies stellt wegen der unterschiedlichen Beschaffenheit der Notentypen (Papierdicke, Reliefstruktur usw.) eine grosse Herausforderung für die Verarbeitungstechnologie dar.

Die Situation heute

Zum heutigen Zeitpunkt werden in der Schweiz etwa 7’000 solcher Geräte von den verschiedenen Banken betrieben. Die Abnahme der Automatenzahl bei den Grossbanken wird dabei durch eine Zunahme der Installationen bei Kantonal- und Raiffeisenbanken kompensiert. Der Abbau von Bankfilialen hat somit nur einen marginalen Einfluss auf den Automatenbestand, da die Geräte als «Repräsentanten» der Bank oft am selben Ort einer vormaligen Filiale installiert bleiben. Die Umgestaltung der Filialen zu neuen Formaten – wie das einer Beraterbank – zieht eine schalter- und somit kassenlose Filialinfrastruktur nach sich. Der Bezug von Bargeld wird nach wie vor als eine sehr wichtige Dienstleistung am Kunden gesehen. Selbstbediente Systeme können bei solchen Umgestaltungen eine Lösung für den weiterhin anhaltenden Bedarf an hoch verfügbaren Bargelddienstleistungen sein.

Zwar ist mit der Einführung von alternativen Zahlungsmethoden eine leichte Abnahme der Transaktionen über den GAA zu verzeichnen, das Bargeld ist jedoch nach wie vor ein sehr beliebtes Zahlungsmittel der Schweizer Bevölkerung. Das wird unter den gegebenen Umständen auch auf absehbare Zeit so bleiben.

Erweiterte Services für die Zukunft

In der Schweiz stehen die GAA und CRS den Bankkunden unter dem neuen ATMfutura-Softwarestandard fast ausschliesslich zum Zweck der Geldabhebung und -einzahlung zur Verfügung. Dieser Standard vereinheitlicht die Funktionen aller Bancomaten und wurde 2014 durch Vertreter aller schweizerischen Bankengruppen festgelegt. Eine andere Strategie fährt beispielsweise die PostFinance mit ihren Postomaten. Als «digitales Powerhouse» setzt sie bei ihren Geräten auf Multifunktionen und wird somit das Angebot an Services an diesen Kundenkontaktpunkten noch weiter ausbauen – Funktionen sind u. a. das Aufladen von Prepaidkarten aller Art, der Verkauf von Wertgutscheinen oder der Druck von Eintrittskarten.

Ausserhalb der Schweiz gehen viele Banken einen differenzierteren Weg. Aufgrund der oben erwähnten Sicherheit und modernster Ausstattung der Geräte – Touchscreen-Monitore, QR-Code-Leser, eingebaute Kameras, NFC-Lesegeräte, Scanner, Drucker u. v. m. – lässt sich eine Vielzahl von Transaktionen am Automaten abbilden: vom einfachen Bezug von Wertgutscheinen oder Eintrittskarten über den kompletten Abschluss eines Kreditvertrags mit digitaler Unterschrift bis hin zum Umtausch von Kryptowährungen in reales Geld und zur Ausgabe von vertraulichen Dokumenten. Überall dort, wo Banken eine digitale Transaktion sicher in eine analoge umsetzen möchten (oder vice versa), kann der GAA/CRS eine Antwort sein. Solche Geräte leisten im Ausland schon heute einen wesentlichen Beitrag zur kostengünstigen Bedienung von Kunden – gerade von jenen, die wenig Vertrauen in die E-Banking- oder Mobile-Banking-Infrastruktur ihrer Bank haben, oder an Standorten, an denen sich eine Filiale aufgrund der niedrigen Besucherfrequenz nicht lohnt. In den Vereinigten Arabischen Emiraten können Kunden einer Bank beispielsweise am Automat ein neues Konto mittels Videoidentifikation eröffnen, erhalten mit derselben Transaktion eine Kredit- und/oder Debitkarte und können Minuten später ihre ersten Geschäfte tätigen oder Geld abheben.

Technologische Möglichkeiten positionieren den Geldautomaten heute als multifunktionale Schnittstelle zwischen Bank und Kunde. Dabei gibt es reduzierte Modelle, die ausschliesslich über ein Smartphone bedient werden können und fast unsichtbar hinter einer Wand nur durch ein Ein-/Ausgabefach erkennbar sind. Ebenso sind heute einfache Geräte mit Monitor verfügbar, die nicht mit zusätzlichen Lese- und Ausgabegeräten wie Papier- und Kartendrucker ausgestattet sind. Am oberen Ende des Geräteangebots stehen multifunktionale Automaten, die jede erdenkliche Dienstleistung, welche digitalisiert werden kann, abbilden können. So wurde beispielsweise die neueste Gerätegeneration der Firma Diebold Nixdorf in einem agilen und mittels Crowdsourcing aufgesetzten globalen Designprozess entwickelt, sodass auch das Design den zukünftigen Kundenanforderungen entspricht.

Innerhalb der länderspezifischen Auflagen durch die Regulatoren oder andere Gremien bleibt es schlussendlich immer den Banken überlassen, welche automatisierten und auf den Kunden zugeschnittenen Dienstleistungen sie anbieten wollen. Der Kunde kann heute jedoch per Smartphone seine komplette Wohnungstechnik bedienen oder seinen Rasenmäher in Gang setzen – die Erwartungen an eine moderne Infrastruktur der Bank, welche die Bedienungsgewohnheiten der Kunden abbildet, ist somit gross. Die Überzeugung, dass der Kunde die freie Wahl hat, auf welchem Medium und in welcher Form er zukünftig geldbezogene Geschäfte tätigt, wird von den Banken zunehmend wahrgenommen und dem Geldautomaten noch eine lange Lebensdauer bescheren.

Verlässlichkeit und Sicherheit bilden die Differenzierung im Bankenwesen – der Geldautomat vereint mit seiner Technologie beide Werte.

Tags

         

Autor(en)



Richard Schlauri

Richard Schlauri ist Präsident des Verwaltungsrates der Diebold Nixdorf (Schweiz) AG und seit Anfang 2015 deren Geschäftsführer. Schlauri leitete über 25 Jahre grosse Service- und Vertriebsorganisationen im internationalen Umfeld namhafter IT-Unternehmen in Deutschland und England.

Verwandte Artikel