Wertkomponenten von Krypto-Assets

by Fabian Schär / 04.09.2019

Skeptiker von Krypto-Assets wie Bitcoin charakterisieren diese gern als reine Blasen. Hinsichtlich der drei Wertkomponenten von Fiat-Geld verfügen klassische und digitale Währungen jedoch über erhebliche Gemeinsamkeiten. Und nicht zuletzt besitzen Krypto-Assets Potenzial, welches weit über die monetäre Theorie hinausgeht.

Eine der meistdiskutierten Punkte im Kontext von Kryptowährungen ist die Frage nach deren Wert. Obgleich der Preis – wie bei fast jedem anderen Asset – durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird, sorgt die Tatsache, dass Bitcoin aus dem Nichts entstanden ist, für viel Diskussionsstoff. Kryptogegner werden nicht müde zu betonen, dass es sich bei Bitcoin im Gegensatz zu «normalem Geld» um eine reine Blase handeln würde. Dies, so deren Argumentation, stelle eine Gefahr für die Ökonomie dar. Verfechter von Kryptowährungen behaupten hingegen, dass Bitcoin über einen Fundamentalwert verfüge und Fiat-Währungen dadurch überlegen sei. Ökonomisch betrachtet sind jedoch beide Aussagen problematisch und auch teilweise falsch.

Die drei Wertkomponenten eines Assets

Grundsätzlich besteht der Wert eines jeden Assets aus einer Kombination von drei Wertkomponenten: dem Fundamentalwert, einem Zahlungsversprechen und einer Blasenkomponente, die oft als Liquiditätsprämie bezeichnet wird.

Der Fundamentalwert ist der stoffliche bzw. reale Eigenwert des Objekts. So besitzt ein Laib Brot beispielsweise einen Fundamentalwert, da dieser konsumiert werden kann. Gold und Diamanten haben ebenso einen Fundamentalwert, da sie über Eigenschaften verfügen, die in der Produktion verschiedener Güter benötigt werden. Dieser stoffliche Eigenwert gibt dem Objekt einen Grundnutzen, der selbst dann bestehen bleibt, wenn die monetäre Nachfrage nach dem Objekt verschwindet. In anderen Worten: Selbst wenn keine Marktnachfrage nach Brot mehr bestünde, könnte es dessen Besitzer noch immer selbst konsumieren. Ähnliches gilt für Gold und Diamanten, die selbst dann noch einen industriellen Nutzen hätten, wenn die Nachfrage aus der Schmuck- und Modebranche komplett versiegen würde.

Ein Zahlungsversprechen wiederum besteht, wenn an das Asset eine zusätzliche Wertkomponente angeknüpft wird. Wird etwa auf Papier vermerkt, dass jemandem gegen dessen Vorlage eine Unze Gold ausbezahlt wird, erhält das Papier eine zusätzliche Wertkomponente. Der Fundamentalwert rückt dann zumeist in den Hintergrund. Charakteristisch für Zahlungsversprechen ist das inhärente Emittentenrisiko – kann oder will der Aussteller sein Versprechen nicht einlösen, verfällt der Wert. Insofern ist es wenig überraschend, dass diese Wertkomponente stark von der Reputation des Emittenten abhängt.

Die dritte Wertkomponente ist die sogenannte Blasenkomponente. Vereinfacht gesagt, ist sie jener Teil des Preises, der sich weder durch den Fundamentalwert noch durch allfällige Zahlungsversprechen erklären lässt. Medial besitzt der Blasenbegriff meist eine sehr negative Konnotation. In der monetär-theoretischen Literatur ist eine Blase hingegen weder ungewöhnlich noch negativ behaftet. In Tat und Wahrheit verfügen die allermeisten Assets über eine gewisse Blasenkomponente, darunter auch Fiat-Bargeld, dessen Wert ausschliesslich auf ebendieser Blasenkomponente basiert. Die Papierlagen sowie der Kunststoff der Banknoten können weder konsumiert noch in andere Produktionsprozesse eingebunden werden. Insofern besitzt unser Bargeld einen vernachlässigbaren Fundamentalwert.

Ebenso wenig verfügt es über ein Zahlungsversprechen. Denn entgegen dem weitverbreiteten Irrglauben, dass Banknoten noch immer einen Anspruch auf eine fixe Menge Gold repräsentieren, ist dies längst nicht mehr der Fall. Garantiert ist lediglich, dass Konsumenten für ihre Banknote eine neue Banknote beziehen dürfen – staatliches Fiat-Geld wie Schweizer Franken, Euro oder US-Dollar entspricht folglich einer typischen Blase. Dies ist jedoch nichts Schlimmes, im Gegenteil: Aus Sicht der monetären Theorie können Blasen sogar effizient sein, unter anderem da in diesem Fall keine Ressourcen als Tauschmittel gebunden sind, welche anderweitig verwendet werden könnten.

Gemeinsamkeiten von Bitcoin und Fiat

Wendet man nachfolgend jene grundlegenden Kriterien auf die Kryptowährung Bitcoin an, stellt man fest, dass sich diese hinsichtlich der bereits erwähnten Wertkomponenten gar nicht so sehr von klassischen Fiat-Währungen unterscheidet. So beinhaltet ein Bitcoin ebenfalls kein Zahlungsversprechen, da dessen Umtausch in eine fixe Menge einer anderen Werteinheit nicht garantiert ist – ein Bitcoin ist und bleibt somit ein Bitcoin.

Ebenso wenig verfügt Bitcoin über einen Fundamentalwert, obgleich oft argumentiert wird, dass sich mit Bitcoin-Einheiten die zugehörige Blockchain nutzen lässt – unter anderem zur Sicherung kleiner Datenpakete – und diese Funktion einem Fundamentalwert gleichkommen würde. Jene Begründung ignoriert aber die Tatsache, dass diese Funktion von der Popularität und letztlich auch dem Preis der Bitcoin-Einheit abhängig ist. Würde die Nachfrage nach Bitcoin aussetzen und der Preis gegen Null streben, gäbe es keinen Anreiz mehr, Rechenleistung zur Bewirtschaftung der zugrunde liegenden Bitcoin-Blockchain bereitzustellen – in diesem Fall würde die Funktionalität aussetzen. Aufgrund dieser Preisabhängigkeit kann nicht von einem Fundamentalwert gesprochen werden.

Das Potenzial von Krypto-Assets

Hinsichtlich der eingangs erwähnten Argumentation einiger Kryptoskeptiker, wonach es sich bei Krypto-Assets um reine Blasen handeln würde, muss diesen zumindest teilweise Recht gegeben werden – denn monetär-theoretisch trifft dies zu. Falsch ist hingegen die weiterführende Interpretation: Analog wären dann auch der Schweizer Franken, der Euro und der US-Dollar reine Blasen, da diese ebenfalls über keinen Fundamentalwert verfügen.

Insofern ist es falsch, Bitcoin aufgrund seines mangelnden Fundamentalwerts als uninteressant bzw. gefährlich einzustufen – nicht zuletzt, da die Diskussion rund um Wertkomponenten über die wahre Innovation von Kryptowährungen hinwegtäuscht. Denn während sich Bitcoin in puncto Wertkomponenten nur geringfügig vom klassischen Fiat-Geld unterscheidet, bestehen bei anderen Charakteristika erhebliche Unterschiede. So ist es erstmals möglich, digitale Werteinheiten komplett eigenständig zu verwahren und zu transferieren, ohne dass den anderen Marktteilnehmern vertraut werden muss. Damit entsteht eine zensurresistente Werteinheit, welche in einem apolitischen Kontext – abseits des diskretionären Handlungsspielraums einzelner Staaten – und völlig unabhängig vom Finanzsystem gehalten und transferiert werden kann. Diese Innovation könnte die Welt nachhaltig verändern und eine neue Anlageklasse für ein digitales Zeitalter schaffen.

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Prof. Dr Fabian Schär

Prof. Dr Fabian Schär is Professor for “Distributed Ledger Technology/Fintech” at the Faculty of Business and Economics. In addition, he is the Managing Director of the Center for Innovative Finance at the University of Basel and board member of the “Swiss Blockchain Federation” (Bundesrats Taskforce).

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