Mit dem Blockchaingesetz in die Zukunft6 min read

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Liechtenstein geht mit seinem Gesetz über Token und vertrauenswürdige Technologien Dienstleister (TVTG) neue Wege. Das 2020 in Kraft tretende Gesetz schafft weitgehende Rechtssicherheit für die noch junge Blockchain-Industrie und trägt damit massgeblich zu deren Professionalisierung bei. Die wegweisenden Rahmenbedingungen des TVTG bieten Unternehmen Gestaltungsspielraum für neue Geschäftsmodelle. Liechtenstein beweist damit Weitblick und unterstreicht seine Pionierrolle im Bereich der Blockchain-Technologie.

Anfang Oktober 2019 hat der Landtag des Fürstentums Liechtenstein das Gesetz über Token und vertrauenswürdige Technologien Dienstleister (TVTG) – allgemein auch «Blockchain act» genannt – in zweiter Lesung verabschiedet. Das Gesetz wird Anfang 2020 in Kraft treten und schafft wegweisende Rahmenbedingungen für die Token-Ökonomie in Liechtenstein. In seiner Gestaltung des Gesetzes hat der Landtag Weitblick bewiesen und eine technologieneutrale Formulierung gewählt – diese ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt insbesondere deswegen sinnvoll, weil keine Standards vorgegeben werden, wo noch keine definiert sind. Der Token wird lediglich als Container für ein Wertrecht betrachtet – d. h., aus Sicht des Gesetzgebers ist es irrelevant, ob der Token tatsächlich ein Wertrecht darstellt und welche Distributed-Ledger-Technologie (DLT) ihm zugrunde liegt. Da weder der Gesetzgeber noch die involvierten Unternehmen die Entwicklung der noch jungen Blockchain-Industrie abschätzen können, wurde so ein potenzieller Stolperstein geschickt umgangen.

Das Fundament der Token-Ökonomie

Der Fokus des TVTG auf der Token-Ökonomie wird wiederum massgeblich zur Weiterentwicklung der Blockchain-Industrie als Ganzes beitragen. In einem solchen Ökonomiesystem lassen sich Dienstleistungen und Waren gegen Token beziehen: Konsumenten können gesetzliche Zahlungsmittel wie Schweizer Franken gegen Token eintauschen und diese zum Erwerb von Produkten verwenden. Vor diesem Hintergrund definiert das TVTG diverse Akteure und zehn verschiedene Rollen, welche an der Token-Ökonomie beteiligt sind – von der VT-Prüfstelle über den Wechseldienstleister bis hin zum VT-Token-Verwahrer.

Diese Definition durch das TVTG ermöglicht Unternehmen künftig eine klare Positionierung und sorgt für Transparenz hinsichtlich der rollenabhängigen Aufsichtsgebühren. Dem Kunden erleichtert solche Transparenz die Suche nach geeigneten Partnern innerhalb der Token-Ökonomie, und für Investoren schafft sie Rechtssicherheit – u. a. durch die Registrierungspflicht. Dennoch ist das Gesetz nicht zu eng gefasst, wodurch es sich von anderen derartigen Vorstössen abhebt.

Zudem wurde das TVTG branchenübergreifend für alle Industrien in Liechtenstein geschaffen: Ein Weltkonzern wie Hilti kann künftig tokenisierte Nutzungsrechte für Baugeräte erstellen – z. B. kann zur Entsperrung solcher Geräte ein Token verlangt werden, was sowohl die Abrechnung als auch die Kontrolle vereinfacht. Auch Zahlungen im Internet of Things (IoT) können über Blockchain-Lösungen abgewickelt werden. Dank der Industrieneutralität des TVTG profitiert der Wirtschaftsstandort Liechtenstein also in vielen Bereichen von der DLT. Der Gesetzgeber hat diesbezüglich sehr vorausschauend agiert und die Rahmenbedingungen für die Industrie zusammen mit Partnern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erarbeitet.

Neue Geschäftsmodelle und -bereiche für die Finanzindustrie

In der Vergangenheit – insbesondere seit der Finanzkrise 2008/2009 – hat der Regulator oft versucht, die Geschäftstätigkeit von Unternehmen stärker zu reglementieren, um Interessengruppen zu schützen, z. B. mit der MiFID-II-Verordnung. Im Gegensatz dazu stellt das TVTG ein «offenes» Regulierungskorsett bereit, denn wo klassische Gesetzestexte meist auf einen spezifischen, bereits in der Praxis erprobten Sachverhalt abzielen, reguliert das TVTG das Zusammenspiel zwischen Marktteilnehmern und Ökonomie als Ganzes.

Basierend auf dieser sehr konstruktiven und zukunftsweisenden Ausarbeitung – die meisten Anwendungsfälle stecken noch in den Kinderschuhen –, ermöglicht das TVTG neue Geschäftsopportunitäten für Finanzinstitute. Grundsätzlich lassen sich hier drei Strategien unterscheiden.

  • Eintritt ins Blockchain-Banking: Durch die Regulierung der 2018 noch als Wilder Westen bezeichneten Kryptoszene gewährleistet das TVTG etablierten Finanzinstituten die notwendige Rechtssicherheit für einen Markteintritt. Insbesondere das Risikomanagement im Zusammenhang mit Kunden aus der Blockchain-Industrie wird durch das TVTG erleichtert – beispielhaft sind Security Token Offerings (STO), für welche im TVTG klare Publikationspflichten aufgeführt sind.
  • Ausbau des Blockchain-Bankings: Voraussetzung ist ein bereits vorhandenes Blockchain-Banking-Ökosystem: Finanzinstitute bieten dabei Produkte und Services in Partnerschaft mit Unternehmen der Blockchain-Szene an. Erstere bringen in das gemeinsame Offering vor allem regulatorisches Know-how ein, letztere das technische Wissen. Hierdurch entstehen Konkurrenzvorteile hinsichtlich Entwicklungszeit usw. Zudem gewinnen DLT-basierte Produkte wie tokenisierte Finanzinstrumente für klassische Investoren an Attraktivität, da alle an Emission und Vertrieb beteiligten Akteure neu der Aufsicht durch den Regulator unterliegen.
  • Ausbau entlang der Wertschöpfungskette: Die klar definierte Verteilung der Rollen in der Token-Ökonomie bietet Finanzinstituten neue Möglichkeiten entlang der Wertschöpfungskette. So kann z. B. ein eingetragener VT-Token-Verwahrer beim Handel von Krypto-Assets gegen Fiat-Geld auf das eigene Buch auch die Rolle als VT-Wechseldienstleister wahrnehmen. Kunden profitieren so von einem Single Point of Entry und damit von einfachem Zugang zu Krypto-Assets sowie deren sicherer Verwahrung, und Unternehmen können mehrere Rollen gleichzeitig ausüben.

Unabhängig von der aktuellen Strategie bisher untätiger Finanzinstitute, wird das TVTG dazu führen, dass diese über einen Markteintritt nachdenken, wodurch sich die Wettbewerbsbedingungen tendenziell verschärfen. (Klassische) Marktteilnehmer, welche auf die Verabschiedung des Gesetzes gehofft haben, werden diese Entwicklung zusätzlich antreiben.

Nach Ansicht von Bank Frick liegen die grössten Potenziale im Ausbau des Ökosystems sowie im Brückenschlag hin zur klassischen Finanzindustrie. Deren Einfluss auf die künftige Entwicklung der Token-Ökonomie ist massgeblich, da (nur) durch klassische Akteure kritische Masse beim Volumen erreicht werden kann. Ein spannender Anwendungsfall ist hier das Geschäft mit tokenisierten Wertpapieren, da das TVTG alle notwendigen Rollen definiert – VT-Token-Verwahrer, VT-Protektor, Token-Emittent, Token-Erzeuger, VT-Wechseldienstleister – und das Wertpapier die Brücke zur klassischen Finanzindustrie darstellen kann.

Das TVTG als Chance

Die Einführung regulatorischer Rahmenbedingungen bedeutet jedoch keineswegs ein starres Manövrieren innerhalb fester Bahnen – die Beziehungen zwischen den Akteuren sind hochkomplex und folglich nur bis zu einem bestimmten Punkt vorhersehbar. Ebenso verhält es sich mit der Belastbarkeit des Gesetzes im täglichen Gebrauch, im Verhältnis zu bereits existierenden Gesetzen oder in der detaillierten Umsetzung der Rollen gemäss TVTG. Nichtsdestotrotz hat die zukunftsweisende Ausgestaltung des Gesetzes Signalwirkung und bietet Chancen.

Ferner ist davon auszugehen, dass sich mit Inkrafttreten des TVTG eine steigende Anzahl an DLT-Unternehmen in Liechtenstein ansiedeln wird, um sich der Regulierung durch das TVTG zu unterstellen. Bei der frühzeitigen Erkennung hieraus resultierender möglicher Reputationsrisiken können zentrale Ansprechpartner – insbesondere Finanzinstitute mit Leistungsnachweis im Blockchain-Banking – helfen, die den neuen Unternehmen beratend zur Seite stehen.

Ein kleiner Blick in die Zukunft

Das TVTG bietet allen Branchen ausreichend Gestaltungsspielraum für neue Geschäftsmodelle und erlaubt es jungen Unternehmen, Nischen zu besetzen und darin zu wachsen. Zudem schreckt die Regulierung unseriöse Marktteilnehmer ab, wodurch Reputationsrisiken proaktiv minimiert werden. Es bleibt abzuwarten, welche Rollen mehrfach durch denselben Anbieter besetzt werden und wie sich die Marktsituation für Blockchain-Unternehmen sowie das Blockchain-Banking generell entwickeln. Aus Kundensicht ist eine gesunde Konkurrenzsituation förderlich. Falls jedoch bereits zu Beginn ein Verdrängungskampf stattfindet, wird dies die Token-Ökonomie an einer gesunden Weiterentwicklung hindern und dem Markt Vertrauen entziehen.

Im europäischen Kontext sind aktuell keine vergleichbaren regulatorischen Entwicklungen der Blockchain-Industrie erkennbar. Das liechtensteinische TVTG kann hier Pionierarbeit bei der Etablierung eines europäischen Standards leisten – dieses Ziel sollten sich alle Akteure vor Augen halten. Zudem gilt es zu beachten, dass die Lehren aus der Praxis erst noch gezogen werden müssen, jedoch bereits heute Diskussionen über die Bindung verschiedener Rollen an eine Lizenz geführt werden. So ist z. B. die Rolle des VT-Protektors vorläufig Unternehmen mit einer Treuhänderbewilligung vorbehalten. Wie praxistauglich das TVTG am Ende ist, werden demnach die nächsten Jahre zeigen.

Insgesamt wird das TVTG für Vertrauen auf den Märkten sorgen und neue Akteure anziehen, welche die noch junge Blockchain-Industrie weiter professionalisieren. Für den Wirtschafts- und Finanzplatz Liechtenstein bringt das Gesetz einen weiteren Standortvorteil.

Author(s)

Dominik Jocham

Dominik Jocham is a Business Development Professional with many years of banking experience focusing on the further development of Bank Frick’s blockchain banking services. After graduating from the University of St. Gallen with a focus on business innovation, he worked for UBS in Zurich and abroad.

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