Nachhaltigkeit ist ein Muss6 min read

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Der dritte Rekordsommer in diesem noch jungen Jahrhundert hat dafür gesorgt, dass sich nicht nur Umweltaktivisten, Wissenschaftler und vereinzelte Medien oder Politiker mit Klimafragen in den Vordergrund drängen. Das Thema ist endgültig im Mainstream angekommen. Die Sorge über die Zukunft trübt bei vielen Menschen die Freude am schönen Wetter. Schmelzende Gletscher, Plastikmüll in unseren Ozeanen, tote Fische, Überschwemmungen in Asien, Hurrikane in Florida und der Golfregion oder kurze Hosen in Grönland sind für jedermann sicht- und erlebbar – im Hier und Heute. Entsprechende Nachrichten sind schon fast an der Tagesordnung.

Glaubwürdigkeit an erster Stelle

Wird ein reales Problem zum Trendthema, springen leider auch kurzfristig orientierte Opportunisten auf den Zug auf. Das gilt sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite. Überspitzt heisst das, dass Nachhaltigkeit zwischenzeitlich für beinahe alles zum Label geworden ist – und umgekehrt fast jedes Produkt nachhaltige Ziele verfolgt. Doch wo, wenn nicht bei diesem Thema, ist Glaubwürdigkeit gefragt? Wo «Nachhaltigkeit» draufsteht, muss auch Nachhaltigkeit drin sein.

Darüber hinaus bedingt und verdient eine nachhaltigere Entwicklung aber auch, dass wir uns ernsthaft und ebenso nachhaltig mit dem Thema beschäftigen, damit das Thema nicht bald für den nächsten Trend das Feld räumen muss.

Nachhaltige Produkte

Liechtenstein und seine Banken tun dies. Seit 2013 haben alle elf Gemeinden das Label «Energiestadt». Das Fürstentum ist damit das einzige Land auf der Welt, das sich «Energieland» nennen darf. Das Label ist eine Auszeichnung für nachweisbare und vorbildliche Resultate in der Entwicklung der kommunalen Energiepolitik und symbolisiert damit, wie Nachhaltigkeit breit in Politik und Bevölkerung verankert ist. Ebenso unterscheiden sich die Geschäftsmodelle unserer Banken von einem kurzfristig geprägten Banking. Mit ihren Produkten waren die Banken nachhaltig unterwegs, lange bevor jeder darüber redete. Eine bereits 2016 durchgeführte Analyse aller hiesigen Fonds hat erfreuliche Ergebnisse gebracht: Obwohl mehrheitlich konventionelle Fonds bewertet wurden, lag das durchschnittliche ESG-Rating – ein Massstab zur Messung von ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit sowie guter Unternehmensführung – bei fast 60 Punkten. Ein beachtlicher Wert. Die Ergebnisse zeigen, dass zahlreiche liechtensteinische Aktienfonds schon früh die ESG-Kriterien zu einem hohen Grad erfüllten. Freiwillig und ohne regulatorischen Druck.

Internationale Finanzplätze für nachhaltige Geldanlagen

Nachhaltigkeit ist für uns keine Modeerscheinung, sondern geht über die reinen ökologischen Aspekte hinaus und muss ganzheitlich verstanden werden. Viele reden heute darüber, wir wollen handeln. Aus diesem Grund ist der Bankenverband im April dieses Jahres dem internationalen Netzwerk «Financial Centers for Sustainability» beigetreten. Das Netzwerk wurde im September 2017 im Rahmen der italienischen G7-Präsidentschaft ins Leben gerufen und ist eine globale Plattform mit dem Ziel, gemeinsam Massnahmen zu ergreifen, um das Wachstum nachhaltiger Geldanlagen zu beschleunigen. Dem Netzwerk gehören derzeit die folgenden 17 internationalen Finanzplätze an (in alphabetischer Reihenfolge): Astana, Casablanca, Dublin, Frankfurt, Genf, Hongkong, London, Luxemburg, Liechtenstein, Mailand, Paris, Seoul, Shanghai, Shenzhen, Stockholm, Toronto und Zürich. Der Bankenverband und seine Mitglieder sehen im Thema «nachhaltige Geldanlagen» deshalb nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Verpflichtung sowie grosse Chancen. Um das Thema noch breiter zu etablieren, organisieren wir zusammen mit verschiedenen Auslandsbankenverbänden am 30. November 2018 in Vaduz eine internationale Konferenz zu diesem Thema.

Banken wichtig im Kampf gegen den Klimawandel

Was hat der Klimawandel denn mit Banking zu tun? Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens von 2015, also das sogenannte 2-Grad-Ziel, zu erreichen, braucht es allein in der EU ein Investitionsvolumen von zusätzlich rund EUR 180 Milliarden. Das Beratungsunternehmen PwC schätzt den jährlichen Investitionsbedarf weltweit, um die 17 von den Vereinten Nationen im September 2015 verabschiedeten nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals oder kurz: SDGs) sowie deren 169 Unterziele zu erreichen, sogar auf USD 7 Billionen. Von dieser enormen Summe wird derzeit gerade ein Siebtel durch die öffentliche Hand abgedeckt. Den hochverschuldeten Staaten fehlen also schlicht die Mittel, um diese Jahrhundertaufgabe zur Bekämpfung von Hunger, Armut, Wassermangel, Klimawandel etc. zu stemmen. Ein substanzieller Teil der finanziellen Mittel muss von der Privatwirtschaft kommen. Angebote, sprich mehr Finanzprodukte, die in energieeffiziente und klimaverträgliche Unternehmen und Projekte investieren, müssen geschaffen werden. Bereits heute haben sich die weltweit grössten Asset-Owner und Investment-Manager im Rahmen des sogenannten Montreal Carbon Pledge dazu verpflichtet, den CO2-Fussabdruck ihrer Geldanlagen offenzulegen. Das nötige Kapital jedenfalls ist im Markt vorhanden. So notieren gemäss OECD-Schätzung die verwalteten Vermögen allein von institutionellen Investoren weltweit bei rund USD 83 Billionen. Und hier kommen die Banken als traditionelle Intermediäre ins Spiel, denn es ist ihre Aufgabe, diese finanziellen Mittel zu mobilisieren und zu kanalisieren.

Einheitliches Klassifizierungssystem

Es versteht sich von selbst, dass in solchen Situationen auch der Gesetzgeber aktiv wird. Diesmal notabene durchaus zu Recht. Sowohl auf EU- als auch auf globaler Ebene laufen intensive Bestrebungen, eine einheitliche Taxonomie zu entwickeln, also ein einheitliches Klassifizierungssystem. Am 24. Mai 2018 hat die EU-Kommission ihren Vorschlag für ein erstes Paket zur Förderung eines EU-weiten nachhaltigen Wachstums und eines nachhaltigeren Finanzwesens publiziert. Das Regulierungspaket ist Ausfluss aus dem von der Kommission im März dieses Jahres veröffentlichten Aktionsplan mit dem Ziel, dem Pariser Klimaabkommen und den nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen Nachdruck zu verleihen. Der Ruf nach einer solchen Taxonomie kommt aber auch von der Finanzindustrie selbst. So hat das internationale Netzwerk «Financial Centers for Sustainability» Mitte September anlässlich des G7-Highlevel-Treffens in Halifax geschlossen die Notwendigkeit eines international einheitlichen Verständnisses von grünen und nachhaltigen Geldanlagen anerkannt. Damit soll es unter anderem den Anlegern ermöglicht werden, die Spreu vom Weizen zu trennen. Zudem soll damit das Thema Nachhaltigkeit vermehrt in den Fokus bei der Anlageberatung geraten. Auch hierfür liegt bereits ein Vorschlag der EU-Kommission vor, wie die MiFID II, also die EU-Finanzdienstleistungsrichtlinie angepasst werden soll.

Werte statt kurzfristige Performance – Grosse Veränderungen auf der Nachfrageseite

Glücklicherweise wird es auch auf der Nachfrageseite zu gravierenden Verschiebungen kommen. In den nächsten 20 Jahren werden 460 Milliardäre rund USD 2,1 Billionen an die nächste Generation vererben. Dies bedeutet, dass die sogenannten High-Net-Worth-Individuals (HNWI) und insbesondere die junge Generation eine tragende Rolle spielen werden in der Transformation der Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit. Die sogenannten Millennials, angetrieben durch Werte statt materiellen Reichtum und bestrebt, unsere Umwelt und Gesellschaft zu verändern, interessieren sich nicht bloss für die kurzfristige Performance, sondern auch dafür, ob ihr Geld verantwortungsvoll investiert wird.

Nachhaltiges Investieren wird zur Norm

Spötter weisen bei dieser Gelegenheit immer auf die vermeintlich geringen Renditen von nachhaltigen Anlagen hin. Doch das gehört mittlerweile ins Reich der Märchen. Untersuchungen haben gezeigt, dass es in den letzten acht Jahren zwischen der Performance des MSCI-World- und der des MSCI-World-ESG-Leader-Index nur geringe Unterschiede gegeben hat. Ich bin überzeugt, dass sich diese Differenz bald zugunsten von nachhaltigen Investments verschieben wird. Ökologische und soziale Aspekte und die damit verbundenen Risiken müssen in Zukunft noch mehr eingepreist werden. Somit bergen nicht nachhaltige Anlagen für langfristige Investoren höhere finanzielle Risiken, was über die Zeit zu einer geringeren Rendite führen wird.

Nachhaltigkeit sowie nachhaltiges Investieren sind Teil der DNA von Liechtenstein und unseres Finanzplatzes, der sich dadurch auszeichnet, in Generationen zu denken. Sorgfältig und daher sehr glaubwürdig wurde dieses Geschäftsfeld über viele Jahre entwickelt. Es ist bereits heute keine Nische mehr. Der Zeitpunkt, an dem nachhaltiges Investieren die Norm sein wird, ist näher, als manche denken.

Author(s)

Simon Tribelhorn

Simon Tribelhorn is Managing Director of the Liechtenstein Bankers Association (LBV). After completing his studies at the University of St. Gallen, he worked as a lawyer in the banking sector for six years, most recently as a legal consultant in the legal/compliance area for the Raiffeisen Banking Association in St. Gallen for four years. He has worked for the LBV since February 2006, initially as a lawyer and later as Deputy Managing Director. In January 2010, he was appointed Managing Director of the most important association of the financial sector in Liechtenstein.

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