Religion auf der Blockchain

von Peter Seele / 12.4.2019

Seit mehr als 2’000 Jahren feiern Gläubige weltweit mit unterschiedlichen Bräuchen die Auferstehung zur Freudenzeit Ostern. Botschaften und Abläufe sind dabei beinahe identisch geblieben, obgleich die Kirche bestrebt ist, in kleinen Schritten mit der Zeit zu gehen. Ihre Zielgruppe ist ihr dabei grösstenteils vorausgeeilt. Zeit, sie mit einem Gedankenexperiment einzuholen.

Gründung aus dem Nichts

Aus dem Nichts – analog zur christlichen Creatio ex nihilo, der Welt- und Menschenschöpfung aus dem Nichts – tauchte 2008 die elektronische Währung Bitcoin auf. Die der Kryptowährung zugrundeliegende Blockchain-Technologie ist ein dezentral organisiertes Register sämtlicher Transaktionen – auch Distributed-Ledger-Technologie genannt. Diese dezentrale, auf viele Schultern verteilte Registratur – so heisst es – sei besonders fälschungssicher. Zudem sei keine zentrale Ausgabeinstanz der Währung erforderlich, weshalb Bitcoin auch als Antwort und Alternative zum zentralbankbasierten Fiat-Geld verstanden wird. Der ominöse Gründer Satoshi Nakamoto hat seine Erfindung 2008 auch ausdrücklich so begründet.

Mit der Zeit und dem Erfolg des Bitcoin wurde die zugrundeliegende Blockchain immer interessanter: Zahlreiche Nachahmer ersannen nicht nur neue Kryptowährungen, die Blockchain-Technologie wurde zunehmend auch für andere Anwendungen eingesetzt und wird nun als Treiber eines tiefgreifenden technologischen Wandels verstanden. Katastereinträge für Immobilien, Lieferketten, Recruitingprozesse oder die Identifikation von Luxusprodukten sind einige der zahlreichen Anwendungen, die insbesondere in Verbindung mit dem Internet of Things eine nie dagewesene Transparenz und Dokumentationssorgfalt ermöglichen. Zugleich sind Kryptowährungen dafür bekannt und berüchtigt, als Transaktionswährung für zahlreiche illegale Tätigkeiten genutzt zu werden.

Regulierung und neue Anwendungen

Wegen der grossen Innovationskraft – und immer neuen Skandalen – steht das Thema Regulierung derzeit weit oben auf den Agenden der Länder. Gerade Malta, die Schweiz und Liechtenstein, das mit seinem Blockchain-Gesetz in den Startlöchern steht, sehen grosses Potenzial in der neuen Technologie und sind um regulatorische Klarheit bemüht, um Blockchain-Unternehmen anzuziehen und sich als Cluster zu empfehlen. Aus sicheren gesetzlichen Rahmenbedingungen und der daraus resultierenden Professionalisierung entstehen wiederum neue Geschäftsmodelle, Anwendungszweige und Servicedienstleister.

Neben finanzwirtschaftlichen Anwendungen lassen sich jedoch auch gänzlich neue Wege für die Bereiche Religion und Spiritualität aufzeigen. Deren produktspezifischer Charakter ist zwar weniger ausgeprägt, doch eignen sie sich als Gedankenexperimente, um das Merkmal der Dezentralität auf Religion zu übertragen. In diesem Prozess entsteht Reflexion über die Menschen und ihre ganz besondere «Grille» der Religiosität und deren Funktionalität.

Neue Heilserwartungen

So schnell wie Bitcoin aus dem Nichts auf die Welt kam und sich Mythen darüber bildeten, wer oder was hinter der Technologie und dem Pseudonym Nakamoto stecken könnte, so schnell waren auch die Erwartungen an die neue Technologie überirdisch. Ideologisch verbrämt als Antwort auf den Vertrauensverlust in das Finanzsystem, wurden gar erhebliche Heilserwartungen auf die Blockchain-Technologie projiziert: Man brauche kein Vertrauen mehr in Zentralbanken und Währungsemittenten haben, wenn der Prozess über mathematische Rätsellösung und dezentral registrierte Transaktionen organisiert ist. Smart Contracts würden zusammen mit dem Internet of Things eine neue Gesellschaftsordnung ermöglichen, die beinahe an göttliche Allwissenheit heranreicht. Und noch einige mehr.

Zeit also, die Möglichkeiten der Blockchain etwas zu überspannen und als Grundlage religiöser Aktivität zu interpretieren. Da öffnen sich ganz neue Pforten.

Petrus’ tokenbasiertes Büchlein und die «Beicht-Chain»

Nimmt man Smart Contracts und die Transaktionstransparenz der Blockchain und versieht dieses Tatenregister mit einer singulären Blockchain-Identität für ein Individuum, so erhält man in etwa all jene Informationen, die im Volksglauben Petrus zugeschrieben werden, wenn er als Schwellenwächter an der Himmelspforte über den weiteren Verbleib entscheidet.

Petrus – der Interpretationsfehler mittelalterlicher Volkstümlichkeit, der als Narrativ aber durchaus mächtig und nach wie vor verbreitet ist – könnte mit der Blockchain-Technologie zur Realität werden. Sein Narrativ wirkt dabei angesichts der drohenden Auf- und Abrechnung. Insofern wäre dieses Blockchain-Panoptikum der Verhaltensregistratur von eben diesem Effekt der moralischen Verhaltenssteuerung getrieben. Und wo man bei Petrus noch an Religion und das Leben nach dem Tod glauben muss, wäre die Blockchain-basierte Verhaltensregistratur eine funktionierende dezentrale Datenbank.

Auch die Vergehen könnten – zumindest in der katholischen Variante – auf dem Blockchain-Lebensbuch für alle Zeiten gespeichert werden. Katholiken erhielten damit die Option einer zubuchbaren Beicht-Chain, in der die Absolution ebenso eingetragen werden kann. Da in diesem System beide Parteien einer Sünde festgehalten würden, könnte das den Blick weg von der «Arme-Sünder-Perspektive» hin zu den Geschädigten lenken – freilich unter Einbezug der Geistlichen selbst.

Distributed Blockchain-Karma

Der aus der Theologie des Alten Testaments bekannte Zusammenhang zwischen «Tun» und «Ergehen» findet sich auch in anderen Religionen – sogar noch zentraler positioniert als im Christentum. So stellt die aus dem Hinduismus stammende Karmalehre den Zusammenhang zwischen Tat und Wirkung gar in den Mittelpunkt. Diese wirkt sich einerseits auf den Wiedergeburtenkreislauf aus sowie auf die Leidensakzeptanz, da ein schlechtes Leben göttergegeben aus den Taten der vorherigen Inkarnation stammt. Als Instant-Karma hat es jedoch darüber hinaus auch einen Effekt auf das jeweils stattfindende Leben.

Dem Mechanismus liegt also eine Registratur der Taten zugrunde, die durch den Sanktionsmechanismus des Karmas ein Ergebnis erzielt – und hier kommt wieder die Blockchain ins Spiel. Zwar kann diese keine Seelenwanderung oder Wiedergeburt abbilden, doch zumindest das Karma im Hier und Jetzt durch einen Smart Contract: Sündenregister, regelmässige Gottesdienstbesuche und Gaben an den Tempel liessen sich so präzise und dezentral erfassen. Dies wäre für Arbeitsmigranten von Nutzen, die dadurch Kontakt zu ihren lokalen Tempelgemeinschaften halten könnten. Wenn die Blockchain dabei von einer religiösen Autorität ausgegeben würde, wäre sie Teil des spirituellen Kosmos und könnte so insgesamt zu einer karmischen Verbesserung führen. Vielleicht liessen sich mit der Karma-Blockchain langfristig auch mehr Erlösungen aus dem Wiedergeburtenkreislauf erzielen, da die Verhaltenskanalisierung somit für die betreffenden Gläubigen stärker sichtbar wäre.

Social Credit Score, revisited

In den genannten Gedankenspielen bietet sich die Blockchain an, da sowohl der volkstümliche Katholizismus als auch der Hinduismus auf einer stark kanalisierenden Wirkung der Sanktionierung normativen Verhaltens aufbauen. Die Vorstellung einer Fortexistenz nach dem irdischen Leben ist dabei ein starker Anreiz für alle Gläubigen – und dient gleichzeitig als Hebel oder Sanktionsmechanismus für normative Steuerung.

Etwas anders sieht es beim Protestantismus aus, der ohne Beichte auskommen muss – ergo seine Verhaltenskanalisierung durch ex-ante-Verhinderung unerwünschter Taten erzielen muss. Dass Arbeit damit zur religiösen Tat und der von Max Weber beschworene Geist des Kapitalismus durch diese protestantische Ethik begünstigt wird, ist ein wesentlicher Charakterzug. Spirituelle Elemente spielen hingegen fast keine Rolle: Wer die Gotteshäuser in Basel, Zürich oder den nordwestlichen Teilen der Niederlande und Deutschland besucht, kennt diese nüchterne Sachlichkeit, die mit der Opulenz der Qualität und Überhöhung des Arbeitsethos einhergeht. Ökonomischer Erfolg ist somit erstrebenswert und religionskonform.

Die Messbarkeit und Registratur auf einer Blockchain wird so deutlich erleichtert, da die Quantifizierung von Sünden oder spirituellen Meriten eine Herausforderung darstellt – Arbeitsstunden, Produktivität und Profitabilität hingegen sind zahlenmässig vorliegende Messgrössen, die sich statistisch korrelieren lassen, um damit einen Score zu bilden. Ein durch und durch protestantischer Ansatz. Ein Blockchain-basierter Protestantismus würde damit in verblüffende Nähe zum chinesischen Social-Credit-System rücken, welches neben rechtlichen und materiellen Kennziffern auch normative Werte erhebt – wie die regelmässige Kommunikation mit Verwandten oder politisch opportune Kommentare in sozialen Medien. Max Webers Kapitalismusthese wäre damit unter dem Dach des Protestantismus in einer neuen Ära der Transparenz und Messbarkeit angekommen. Doch braucht man dann noch den religiösen Überbau?

Kapitalismus als Religion

Aufbauend auf der Max-Weber-These vom Geist des Kapitalismus und der protestantischen Ethik war es Walter Benjamin, der den konzeptionellen Schritt vollzog und den Kapitalismus als Religion an sich propagierte. Den Kult um das goldene Kalb und den Mammon kennt man seit Jahrhunderten, aber den aus der Industrialisierung stammenden Kapitalismus selbst als Religion auszurufen, war eine neue Qualität – nicht zuletzt, da bestehende Religionen infolge der Säkularisierung als solche nicht mehr erforderlich waren. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche ebnete der Kapitalismusreligion weiter Tür und Tor.

Mit der Digitalisierung – und insbesondere dem Internet of Things, in dem schlussendlich alles miteinander kommuniziert – liesse sich in einem kapitalismusbasierten Glaubenssystem die Performativität, gemessen mit dem Medium Geld, vorzüglich steigern. Datentiefe und -durchdringung würden in diesem System in eine neue Dimension vorstossen, in der die vollkommene Optimierung und Sanktionierung des Einzelnen möglich wären – der Gläubige der Kapitalismusreligion wäre damit stets auf seinen Nettowert reduziert und gefangen in einer vollständig säkularen Leistungsreligion. Den normativen Charakter der protestantischen Ethik bräuchte es dann nicht mehr, da auf der Blockchain alle Jünger in einem kollektiv überwach- und steuerbaren System verschmelzt wären.

Blockchain-basierte Religion ohne religiösen Überbau

Radikal weitergedacht liesse sich auch die Blockchain selbst als Träger und Objekt der Religion verstehen. Erinnert man sich an den Gründungsmythos der Blockchain-Technologie und das White Paper von Nakamoto im Jahr 2008, ist dieser Gedanke nicht zu abwegig. Zusammen mit den Heilsversprechungen der Digitalisierung – wie sie nicht nur libertäre Vordenker des Silicon Valley als neue und bessere Welt beschrieben haben – wurde die Vision einer säkularen, digital verfassten Welt und Ideologie erschaffen.

Blockchain spielt dabei eine entscheidende Rolle, so stammt von US-Investor Peter Thiel der bemerkenswerte Satz: «Crypto is libertarian, AI is communist.» Die grundlegende Idee einer libertären, dezentralen, offenen und regierungs- und autoritätenfeindlichen Gesellschaft ist auch die Überhöhung, die Denker wie Dirk Helbing im Sinne haben, wenn sie von Google als Gott sprechen. Die hier skizzierte Alternative ohne ideologisch-religiösen Überbau führt so zu ähnlichen Gebilde wie institutionalisierte Religionen, nur dass sie ohne das Metaphysische auskommen, um Allwissenheit und Allmacht zu erlangen. Technisch gesehen – auch im wörtlichen Sinn – sind die Effekte der religiösen Verhaltenssteuerung so mit Religion möglich. Dies geht jedoch mit dem Verlust der Privatheit durch eine permanente Datenproduktion einher, ebenso eine Ermöglichung durch Technologie für eine Funktion, die vormals von der Religion übernommen wurde. Ob die Kontingenzbewältigung durch das Religionsnarrativ ohne religiösen Überbau hingegen als Produkt für die meisten Menschen funktioniert, mag bezweifelt werden.

Was von Techno-Utopien zu erwarten ist

Die Gedankenexperimente zur Blockchain-basierten Religion zeigen, dass durch die dezentrale Technologie viele glaubens- und vertrauensbasierte Leistungsmerkmale von bestehenden Religionen ergänzt oder ersetzt werden können.

Die Techno-Utopie neuer Technologien wie Blockchain, künstliche Intelligenz oder dem Internet der Dinge gelten vielfach als Projektionsfläche neuer Gesellschaftsentwürfe. Auch wenn die Zuverlässigkeit einer technischen Lösung im Gegensatz zu einer auf Kommunikation basierenden Lösung verheissungsvoll sein mag, bleiben Techno-Utopien ebenso defektanfällig wie die Gesellschaft selbst. Der Autor E. M. Forster hat dies in seiner Kurzgeschichte «Die Maschine steht still» – in welcher die Menschen zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse auf eine Maschine angewiesen sind – bereits Jahrzehnte vor dem Internet literarisch festgehalten. Darin nimmt er sowohl das Internet als auch die sozialen Medien vorweg und beschreibt deren Zusammenbruch – die Menschen sind für ihr Leben und dessen Sinnhaftigkeit schlussendlich selbst verantwortlich. Forsters Kurzgeschichte verweist somit auf eine überquellende Technikeuphorie, die heute aktueller ist denn je.

Peter Seele schreibt allein in seiner Rolle als Wissenschaftler; es bestehen keine Interessenkonflikte mit den im Artikel genannten Personen (juristische wie natürliche).

Tags

Autor(en)



Peter Seele

Peter Seele ist seit 2011 Professor für Wirtschaftsethik an der USI Lugano. Er promovierte in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke sowie in Philosophie an der Universität Düsseldorf. Vor seiner Tätigkeit bei der Università della Svizzera italiana in Lugano war er Assistenzprofessor an der Universität Basel und zuvor Post-Doc am KWI in Essen. Er hat an der Universität Oldenburg und der Delhi School of Economics studiert und war zwei Jahre lang als Unternehmensberater in Frankfurt/Main tätig.

Verwandte Artikel